Ich verstehe es nicht.
Warum ist es so viel einfacher, Schuld zuzuweisen einem Einzelnen, anstatt unser eigenes Gewissen zu erforschen?
Am 20. Juni dieses Jahres fand in Graz eine "Amokfahrt" statt. Ein Mann wütete in der Innenstadt, tötete mehrere und verletzte viele Menschen. Wir alle waren schockiert, ohnmächtig überrascht ob dieses Unglücks. Es wurden Kerzen angezündet, es wurde getrauert um die Opfer, die Menschen, die nun nicht mehr da waren. Wir haben unsere Betroffenheit entdeckt. Graz trauerte, so titelten es alle Medien.
Ich bin selber Grazer. Ich liebe diese Stadt. Ich habe an diesem Tag niemanden verloren, der mir nahe war. Ich kann zutiefst verstehen, dass dieses Attentat eine Wunde aufgekratzt hat. Und trotzdem musste ich diese Trauerphase der ganzen Stadt mit einem galligen Gefühl im Munde erleben.
Denn, auf der Welt sterben viele Menschen, jeden Tag, an den banalsten Dingen. An Krankheiten, die bei uns längst vergessen sind, an Hunger, an Einsamkeit womöglich. Aber diese Tode haben keine Qualität für uns, sie sind zu abstrakt, sie berühren uns nicht. Sie dürfen uns gar nicht berühren, denn sie sind verschuldet durch ein System, an dem wir - schuldlos - partizipieren. Denn wir können auch nichts dafür, dass wir hier geboren sind, dass es uns gut geht. Aber irgendwo in unsrem Innersten wissen wir, dass hier etwas schief läuft, und das macht uns Angst.
Die Amokfahrt macht uns auch Angst, aber es ist eine direkte Furcht vor einzelnen Wahnsinnigen. Es gibt kein diffuses Gefühl, dass man vielleicht selbst, wenigstens passiv, Mitschuld tragen könnte am Unglück.
Aber wäre es nicht schön, wenn wir unsere Empathie nicht nur dann entdecken würden, wenn die Menschen vor unserer Türschwelle sterben, sondern auch dann, wenn es weit weg geschieht? Denn wir leben in einem Zeitalter, in dem man sich informieren kann. Nicht muss; Ignoranz ist ein guter Ratgeber, um den Wahnsinn dieser Welt zu ertragen.
Nicht muss. Aber kann.
...
Ich verstehe es nicht.
Warum tun die Menschen böse Dinge, selbst wenn sie Gutes bewirken wollen? Warum denken sie nicht etwas weiter über die Schwelle ihres Horizonts hinaus?
In verschiedenen Städten, unter anderem auch in Graz, kann man für ärmere Menschen Essen oder Trinken vorbezahlen, z.B. einen Kebap, den diese sich sonst nicht leisten könnten. Was für eine nette Geste, möchte ich sagen. Aber so einfach ist das nicht. Denn die Produktion dieses Kebaps verursacht viel mehr menschliches als auch tierisches Leid auf der ganzen Welt. Unmittelbar leidet das Tier, welches unter erbärmlichen Bedingungen vor sich hin vegetiert, mittelbar leiden Menschen, z.B. durch die Rodung von (Regen-)Wäldern, die zuvor noch ihr Zuhause waren, um Soja zur Fütterung der Massentierhaltung anzubauen. Oder durch den exorbitanten Wasserverbauch, der bei der Produktion von Fleisch anfällt.
Und das alles, damit ein armer Mensch in Österreich (der alleine dadurch, dass er hier lebt, trotzdem zu den reichsten der ganzen Welt gehört) einen Kebap essen kann.
...
Ich verstehe es nicht.
Warum lügen die Menschen, nicht nur anderen gegenüber, sondern vor allem zu sich selbst? Warum neiden sie jenen ihr kleines Leben, die ohnehin schon nichts besitzen, und erfinden Zahlen und falsche Tatsachen?
Europa hat gerade die Problematik von globalen Flüchtlingsströmungen zu bewältigen. Immer wieder tauchen Berichte auf, vornehmlich im Internet, die mit fingierten Zahlen und angeblichen Wahrheiten doch nur Unwahrheit verbreiten. Ursache und Wirkung werden verwechselt, kleine Details zu empörenden Szenarien aufgebauscht. Warum besitzt der Flüchtling eigentlich ein Smartphone? Das darf der doch gar nicht. Er hat gefälligst nichts zu besitzen, wenn er sich schon anmaßt, hier in unser gelobtes Land „einzureisen“.
Im Gegensatz zum Flüchtling besitzen wir oft nicht nur ein Smartphone, sondern dazu noch ein Tablet und Notebook und am besten noch zehn andere Sachen. Wenn man aber auf der Flucht ist, im Taumel zwischen Krieg & Vertreibung Länder überqueren muss und getrennt ist von seinen Lieben, dann ist ein Smartphone mit Internetzugang plötzlich kein Luxusgut mehr, sondern eine Quelle, um nicht verloren zu gehen in all dem grausigen Treiben. Aber wir neiden es ihnen, diesen – es sind ja ganz ganz sicher zuhauf – Sozialschmarotzern, Wirtschaftsflüchtlingen.
Was heißt dieses Wort eigentlich? Wer sind denn die wahren Schmarotzer? Vielleicht doch wir selbst, die wir für €3,99 unsere T-Shirts kaufen aus Bangladesch oder China und uns dann beschweren, wenn die Leute von dort zu uns kommen, um sich nicht länger ausbeuten zu lassen? Sind nicht wir die größten Sozialschmarotzer in diesem globalen Spiel des Strebens nach Wohlstand?
...
Ich verstehe es nicht.
Warum ist es so viel einfacher, Anteil zu nehmen am Leid eines einzelnen Geschöpfes, als am Leid vieler?
Vor Kurzem wurde ein Löwe getötet, Cecil. Er hat sogar einen Vornamen. Es schmerzt uns zutiefst, was mit ihm geschehen ist, und dieses Monstrum, dieser Unmensch, der ihn getötet hat, muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
Und warum? Weil wir nicht daran schuld sind. Weil wir unsere ganze Wut auf diesen Mann projizieren können, denn wir haben den Löwen nicht getötet. Nein, wir töten nicht einen Löwen, wir töten nur Millionen von Schweinen, Rindern, Hühnern, vergasen Küken und lassen uns unser Schnitzel schmecken. Und das darf uns nicht leid tun, denn oh weh, wir gingen zugrunde an diesem Trauma, wenn wir dieses mitverschuldete Leid tatsächlich an uns heranließen. Also schweigen wir, uns selbst gegenüber vornehmlich, und spenden für ein paar Löwen und Pandas weit weg in der Welt.
...
Ich verstehe es nicht.
Kannst du es mir erklären?
Thursday, October 22, 2015
Die verrückte Welt, in der wir leben.
Labels:
Amok,
Ehrlichkeit,
Empörung,
Ethik,
Flüchtlinge,
Gesellschaft,
Hunger,
Leid,
Massentierhaltung,
Moral,
Politik,
Tiere,
Tod
Photographer. Writer. Idealist. Pseudo-intellectual observing and criticizing society.
I'm a bit shy, but very funny and open-min...- oh well, fuck that shit.
I'm human.
A struggling animal being consisting of various contradicting idiosyncrasies. Fearless, open-minded and awesome from time to time; lonely, insecure and trembling likewise. A whole-hearted person embracing emotionality on a profound level of existence.
I crave authenticity in life, in people. Something real, something beneath our societal masks and shells fed by fear of disconnection.
Subscribe to:
Post Comments (Atom)
No comments:
Post a Comment